Donnerstag, 3. Dezember 2015

Dunkelrotes Blut

Ich sehe das Gummistiefelmädchen an, erzähle ihr, dass mich zurzeit nichts triggert, während mein Arm pocht. Sie sagt, dass doch gut sein. Ich stimme zu, wieder und wieder. Doch der wichtigste Teil - Aber das heißt auch, dass dieses Hoch wieder enden wird - und auch der zweitwichtigste Teil - Und zwar schon bald, sehr, sehr bald - bleiben mir im Hals stecken. Ich habe Angst davor, es auszusprechen, irgendwie. Genauso sehr, wie ich Angst davor habe, dem Gummistiefelmädchen zu sagen, dass ich mich gut eine halbe Stunde zuvor geschnitten hatte.

Ich packe die Klinge aus, schiebe den Ärmel hoch, atme kurz tief durch und setze dann, während mein Arm über der Toilettenschüssel schwebt, die Klinge an. Wieder und wieder. Fast lächelnd sehe ich dabei zu, wie dunkelrotes Blut aus meiner Haut tritt und dann, nach einem kurzen Moment, in dem es aus meinem Arm ruht, ihn langsam herunterrinnt. Ein Schnitt hier. Einer da. Wieder und wieder. Oberflächlich. Tief. Tiefer. Ein Tropfen Blut vermischt sich mit dem Wasser unter meinem Arm. Und noch einer. Das Blut, das aus mir heraustritt, ist dunkler als sonst, aber vielleicht liegt es nur am Licht. Und eben dieses Blut vermischt sich mit dem Wasser, färbt es hellrosa, dann immer dunkler, je mehr Blut hineintropft. Alles in mir schreit, mir den kompletten Arm aufzuschneiden und anschließend den anderen, alles aus mir heraus zu bluten. Aber ich reiße mich zusammen. Immerhin denken alle, ich bin nur pinkeln, also darf ich nicht zu lange weg sein. Also wickle ich schweren Herzens etwas Klopapier um die blutenden Schnitte, befestige es mit zwei Haargummis - wie ich es in letzter Zeit immer wieder getan habe -, packe die Klinge wieder ein und verlasse dann die Kabine .

Den ganzen Tag über pocht mein Arm, schmerzt irgendwie. Die Haargummis pressen sich in meine Haut, drücken mein Blut ab. Trotzdem zwinge ich mich wieder zum Lachen, versuche verzweifelt, mich abzulenken. Am Ende muss ich es einfach aufschreiben. Meine Sitznachbarin sieht, dass ich es auf Englisch schreibe und fragt, ob sie ihn lesen darf. Warum auch immer sage ich Ja. Irgendwie fühlt es sich gut an. Aber irgendwie auch nicht.

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